Finetrading in der Gastronomie heißt: Ein spezialisierter Zwischenhändler, der Finetrader, bezahlt deinen Lieferanten sofort und verkauft dir die Ware mit einem Zahlungsziel von meist 30 bis 180 Tagen weiter. Das rechnet sich nur, wenn der Lieferant Skonto gibt und dieser Skonto die Handelsmarge des Finetraders weitgehend auffrisst. Für Wein, Spirituosen, Kaffee und Non-Food kann das passen. Für Frischware und für eine echte Liquiditätskrise passt es nicht.
Der alte Satz „Finetrading ist günstiger als die Bank“ stimmt so nicht. Manchmal ist es günstiger, manchmal deutlich teurer, und manchmal ist es die falsche Frage. Denn bevor du über Warenfinanzierung ohne Bank nachdenkst, solltest du wissen, warum dir das Geld für die Ware überhaupt fehlt.
Dieser Leitfaden rechnet dir Finetrading in der Gastronomie einmal ehrlich durch. Du erfährst, was es kostet, welche Waren sich eignen, wer es überhaupt bekommt und wie es sich von Lieferantenkredit, Brauereidarlehen und Kontokorrent unterscheidet. Und du bekommst einen Fall aus der Praxis, der zeigt, wann ein verlängertes Zahlungsziel nur einen Berg nach hinten schiebt.
Vorweg, damit es klar ist: Die Gastro Piraten sind kein Finetrader und verdienen an keinem Abschluss mit. Wir beraten Gastronomen bei Finanzierung, Einkauf und Liquidität, und genau aus dieser Sicht ist der Text geschrieben.
Inhalt
- Was ist Finetrading und wie funktioniert es?
- Was kostet Finetrading wirklich?
- Warum entscheidet der Skonto über den Preis?
- Welche Waren kannst du in der Gastronomie per Finetrading finanzieren?
- Wer bekommt Finetrading und was prüfen die Anbieter?
- Finetrading, Lieferantenkredit, Brauereidarlehen oder Kontokorrent: Was passt wann?
- Was solltest du vor dem Finetrading versuchen?
- Wie passt du Laufzeit und Abverkauf zusammen?
- Wann verschiebt Finetrading nur einen Berg?
- Wie wirkt Finetrading in BWA, Bilanz und Umsatzsteuer?
- Woran erkennst du einen seriösen Finetrader?
- Häufige Fragen zum Finetrading in der Gastronomie
Was ist Finetrading und wie funktioniert es?
Finetrading ist eine Form der Einkaufsfinanzierung, bei der ein Zwischenhändler deine Lieferantenrechnung sofort bezahlt, die Ware rechtlich kauft und sie dir mit verlängertem Zahlungsziel weiterverkauft. Du bestellst wie gewohnt bei deinem Lieferanten, die Ware kommt direkt zu dir. Nur die Rechnung läuft über den Finetrader. Formal ist das ein Handelsgeschäft, kein Kredit.
Der Ablauf hat drei Beteiligte und sieht in der Praxis so aus:
So läuft ein Finetrading-Einkauf
Laut Deutscher Handwerks Zeitung liegt das Zahlungsziel meist zwischen 30 und 180 Tagen, einzelne Anbieter gehen bis 360 Tage. Rund 20 Anbieter sind in Deutschland aktiv, und sie stehen nicht unter Aufsicht der Bankenaufsicht. Das ist kein Makel, aber es heißt: Du musst die Verträge selbst genau lesen, denn niemand prüft sie für dich.
Wichtig für das Verständnis: Bis du bezahlt hast, gehört die Ware in der Regel dem Finetrader. Er sichert sich über einen Eigentumsvorbehalt nach § 449 BGB ab. Für Wein im Keller ist das unproblematisch. Für Ware, die du drei Tage nach Lieferung schon verkocht hast, ist die Sicherheit für den Finetrader praktisch wertlos. Genau deshalb schließen viele Anbieter Frischware aus, dazu gleich mehr.
Was kostet Finetrading wirklich?
Finetrading kostet eine Handelsmarge, die mit der Laufzeit steigt, plus Gebühren. Die Deutsche Handwerks Zeitung nennt im Schnitt 1,5 bis 3 Prozent Gesamtkosten. Ein Anbieter nennt in seinem Factsheet 2,99 Prozent für 90 Tage bis 5,99 Prozent für 360 Tage, dazu 39 Euro pro Einkauf, eine monatliche Bereitstellungsgebühr und einmalig 1,95 Prozent der Einkaufslinie.
Prozentzahlen ohne Laufzeit sind wertlos. 3,99 Prozent klingen nach wenig, sind aber für ein halbes Jahr berechnet und werden oft in Raten zurückgezahlt. Du hast das Geld also im Schnitt kürzer, als die 180 Tage vermuten lassen. Rechnen wir es an einem Weineinkauf durch:
Ohne Skonto lägen die Kosten bei 438 Euro, aufs Jahr gerechnet rund 15 Prozent. Nicht eingerechnet: monatliche Bereitstellungsgebühr und einmalige Einrichtungsgebühr auf die Einkaufslinie. Konditionen nach dem Factsheet eines Anbieters, Stand 2024. Andere Anbieter rechnen anders.
Die Rechnung zeigt das Muster. Mit voll angerechnetem Skonto landest du bei etwa 8 Prozent im Jahr. Ohne Skonto bei etwa 15 Prozent. Und die Fixgebühren kommen noch dazu: Wer nur einmal im Jahr 5.000 Euro finanziert, aber zwölf Monate Bereitstellungsgebühr zahlt, hat am Ende einen sehr teuren Einkauf gemacht.
Vergleiche das mit dem Zins deines Kontokorrents. Der steht auf deinem Kontoauszug oder im Kreditvertrag, und den kennst nur du. Liegt er deutlich unter dem, was dich Finetrading effektiv kostet, und hast du noch Luft im Rahmen, ist das Kontokorrent für kurze Überbrückungen meist die günstigere Wahl. Liegt dein Rahmen am Anschlag oder die Bank will nicht erhöhen, sieht es anders aus.
Achtung bei kurzen Laufzeiten
Gerade die kurzen Varianten sind aufs Jahr gerechnet oft die teuersten. Bei 90 Tagen in drei Raten bindest du das Geld im Schnitt nur zwei Monate. 2,99 Prozent Marge plus Transaktionsgebühr ergeben ohne Skonto aufs Jahr gerechnet rund 20 Prozent. Rechne jede Laufzeit einzeln, bevor du unterschreibst.
Warum entscheidet der Skonto über den Preis?
Der Skonto entscheidet, weil er der eigentliche Gewinn im Finetrading ist. Wer 2 Prozent Skonto bei 10 Tagen zahlt statt netto nach 30 Tagen, verzichtet auf rund 37 Prozent Jahreszins. Zahlt der Finetrader innerhalb der Skontofrist und rechnet dir den Skonto voll an, schrumpfen deine Kosten deutlich. Behält er den Skonto ganz oder teilweise, wird Finetrading teuer.
Die Rechnung dahinter ist simpel. Bei „2 Prozent Skonto innerhalb von 10 Tagen, netto 30 Tage“ bezahlst du für 20 Tage längeres Zahlungsziel 2 Prozent Aufschlag. Aufs Jahr hochgerechnet sind das etwa 36,7 Prozent. In „Bevor du aufschließt“ bringt René Kaplick das auf den Punkt: Rabatt und Skonto sind keine Nettigkeiten, sondern Verhandlungssache, und wer liquide ist, sollte immer skontieren.
SKONTO NICHT GEZOGEN
36,7 %
Jahreszins, den du für 20 Tage Aufschub zahlst
FINETRADING OHNE SKONTO
ca. 15 %
im Beispiel oben, 180 Tage in Raten
FINETRADING MIT SKONTO
ca. 8 %
wenn der Skonto voll angerechnet wird
Daraus folgt die wichtigste Regel für Finetrading in der Gastronomie: Es lohnt sich vor allem bei Lieferanten, die einen ordentlichen Skonto geben. Die Deutsche Handwerks Zeitung nennt für ausgehandelte Skonti typischerweise rund 2,5 Prozent und weist darauf hin, dass nicht jeder Finetrader ihn vollständig weitergibt. Wer den Skonto behält und dir trotzdem die volle Marge berechnet, verdient doppelt.
Und noch ein Gedanke, den kaum jemand ausspricht: Wenn du so knapp bist, dass du nie skontieren kannst, verlierst du jedes Jahr Geld, das in keiner Rechnung auftaucht. Bei einem Getränkeeinkauf von 100.000 Euro im Jahr sind 2 Prozent Skonto 2.000 Euro. Das ist bei vielen Betrieben mehr als die jährliche Kontoführung, die Versicherung für die Kühlung und die Wartung der Kaffeemaschine zusammen. Wie stark der Einkauf auf deinen Wareneinsatz durchschlägt, zeigt der Beitrag zum Wareneinsatz in der Gastronomie.
Welche Waren kannst du in der Gastronomie per Finetrading finanzieren?
Per Finetrading finanzieren kannst du in der Gastronomie vor allem lagerfähige Waren: Wein, Spirituosen, Kaffee, Konserven und Trockenware, dazu Non-Food wie Gläser, Porzellan, Besteck und Textilien. Frischware wie Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse schließen viele Anbieter ausdrücklich aus. Dienstleistungen, Energie und Löhne lassen sich grundsätzlich nicht über Finetrading finanzieren.
Der Grund ist der Eigentumsvorbehalt. Der Finetrader will eine Ware, die er im Ernstfall zurückholen und verkaufen kann. Ein Karton Riesling ist nach drei Monaten noch da. Ein Steinbutt nicht. Ein Anbieter listet in seinem Factsheet „schnell verderbliche Waren“ sogar ausdrücklich unter den Ausschlüssen. Damit fällt bei einem typischen Restaurant ein großer Teil des Küchenwareneinsatzes von vornherein raus.
Grün: passt gut
Wein und Spirituosen, vor allem Großeinkäufe für die Weinkarte
Kaffee, Tee, Trockenware in größeren Gebinden
Gläser, Porzellan, Besteck, Tischwäsche
Saisonbevorratung, etwa vor Biergartensaison oder Weihnachtsgeschäft
Gelb: vorher klären
Fassbier und Getränke mit Bezugsbindung: Akzeptiert Brauerei oder Getränkefachgroßhändler den Finetrader als Rechnungsempfänger?
Tiefkühlware: lagerfähig, aber nicht jeder Anbieter nimmt sie
Kleingeräte und Ausstattung: mancher Anbieter ja, mancher nur über Leasing
Rot: passt nicht
Frischfisch, Fleisch, Obst, Gemüse, Molkereiprodukte
Dienstleistungen, Reparaturen, Handwerker
Energie, Heizöl, Pacht, Löhne
Pfand und Leergut
In der Praxis heißt das: Finetrading ist in der Gastronomie kein Werkzeug für den laufenden Wocheneinkauf. Es ist ein Werkzeug für größere, planbare Einkäufe von lagerfähiger Ware. Der Weinhändler, der dir zum Jahresende einen guten Preis für 600 Flaschen macht. Die Neuausstattung mit Gläsern vor der Saison. Die Kaffeebohnen für ein halbes Jahr zum Vorzugspreis. Wer so einkauft, sollte vorher prüfen, ob der Lagerbestand in seiner Warenwirtschaft sauber erfasst wird, sonst liegt finanzierte Ware im Keller und keiner weiß davon.
Ein Sonderfall ist der Getränkeeinkauf mit Bezugsbindung. Viele Betriebe sind über einen Liefervertrag an eine Brauerei oder einen Getränkefachgroßhändler gebunden. Ob dort ein Finetrader als Rechnungsempfänger zwischengeschaltet werden darf, steht im Vertrag oder muss mit dem Lieferanten geklärt werden. René Kaplick hat selbst auf der Anbieterseite für Brauereien gearbeitet und kennt diese Verträge von innen: Die Bezugsbindung ist oft das Gegenstück zu einem Brauereidarlehen, und dann gelten andere Spielregeln, dazu weiter unten mehr.
Wer bekommt Finetrading und was prüfen die Anbieter?
Finetrading bekommen in der Regel gewerbliche Betriebe mit Sitz in Deutschland, die mindestens zwölf Monate Umsatz nachweisen können und eine positive Ertragslage haben. Die Anbieter prüfen BWA, Summen- und Saldenliste, Schufa der Inhaber oder Geschäftsführer und das Geschäftskonto. Klassische Sicherheiten verlangen sie meist nicht, bei Gesellschaften aber oft eine persönliche Bürgschaft der Geschäftsführer.
Für Gründer ist das eine klare Grenze. Wer noch keinen Umsatz hat, bekommt bei den meisten Anbietern kein Finetrading, und wenn doch, dann nur mit Businessplan und deutlich vorsichtiger. Finetrading ist also kein Gründungswerkzeug, sondern eines für laufende Betriebe. Für die Gründung sind KfW-Kredit und Fördermittel der richtige Weg.
| Was der Finetrader sehen will | Worauf es ankommt |
|---|---|
| BWA mit Summen- und Saldenliste | Vorjahr und laufendes Jahr, positive Ertragslage |
| Umsatzhistorie | meist mindestens zwölf Monate |
| Schufa-Auskunft | der Inhaber oder Geschäftsführer |
| Kreditversicherbarkeit | Der Finetrader versichert seine Forderungen, der Versicherer muss mitgehen |
| Bürgschaft der Geschäftsführer | bei GmbH, UG und Personengesellschaften häufig verlangt |
Der letzte Punkt wird gern übersehen. Finetrading wird als Finanzierung ohne Sicherheiten verkauft, und für das Warenlager stimmt das meistens. Aber wenn der Anbieter von dir als GmbH-Geschäftsführer eine persönliche Bürgschaft verlangt, haftest du am Ende doch privat. Worauf du bei jeder Bürgschaft achten musst, Höchstbetrag, Befristung und keine Globalbürgschaft, steht im Beitrag zur Bürgschaft in der Gastronomie.
Und noch eine Konsequenz der Prüfung: Die Anbieter schauen auf deine BWA. Wer seine Zahlen nicht im Griff hat, monatelang keine aktuelle BWA vorliegen hat oder eine Ertragslage im Minus zeigt, wird abgelehnt oder bekommt eine sehr kleine Linie. Wie du eine BWA so liest und aufbereitest, dass ein Finanzierer sie ernst nimmt, zeigt der Beitrag zur BWA in der Gastronomie.
Finetrading, Lieferantenkredit, Brauereidarlehen oder Kontokorrent: Was passt wann?
Welche Finanzierung passt, hängt davon ab, was du finanzierst und wie lange. Für kurze Engpässe ist das Kontokorrent am flexibelsten, für einzelne Warengruppen das direkt verhandelte Zahlungsziel beim Lieferanten. Finetrading passt zu größeren Einkäufen lagerfähiger Ware. Ein Brauereidarlehen finanziert Investitionen gegen Bezugsbindung, Leasing finanziert Geräte, Factoring nur offene Forderungen.
| Weg | Wofür | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|---|
| Zahlungsziel beim Lieferanten | laufender Wareneinkauf | oft kostenlos, nur ein Gespräch | Skonto entfällt, Berg kommt später |
| Finetrading | größere Einkäufe lagerfähiger Ware | Skonto bleibt, Bankrahmen bleibt frei | Marge und Gebühren, keine Frischware |
| Kontokorrent | kurze Engpässe | flexibel, sofort verfügbar | teuer bei Dauernutzung, Bank kann kürzen |
| Brauereidarlehen | Investitionen, Ausstattung, Übernahme | Geld ohne Bank | Bezugsbindung, Mindestmengen, lange Laufzeit |
| Leasing | Küchentechnik, Kassen, Kaffeemaschinen | Rate statt Einmalbetrag | feste Laufzeit, Gesamtkosten höher |
| Factoring | offene Rechnungen an Firmenkunden | Geld sofort statt nach 30 Tagen | nur für Catering und Firmenevents relevant |
Finetrading und Factoring werden oft verwechselt. Factoring finanziert deine Forderungen, also Rechnungen, die du an Kunden geschrieben hast. In der klassischen Gastronomie zahlt der Gast sofort, da gibt es nichts zu verkaufen. Interessant wird Factoring nur, wenn du Catering, Firmenfeiern oder Tagungen auf Rechnung abwickelst. Finetrading dagegen finanziert deine Verbindlichkeiten, also die Ware, die du einkaufst.
Das Brauereidarlehen verdient einen eigenen Satz, weil es in der Gastronomie die älteste Form der Finanzierung ohne Bank ist. Die Brauerei gibt dir Geld für Ausstattung oder Übernahme, du verpflichtest dich im Gegenzug, über Jahre ihr Bier abzunehmen, oft mit Mindestmengen. Das kann sinnvoll sein, aber die wahren Kosten stecken im Bierpreis und in den Folgen, wenn du die Menge nicht schaffst. Aus der Anbieterseite wissen wir: Diese Verträge sind verhandelbar, und zwar mehr, als die meisten Wirte glauben. Lass sie prüfen, bevor du unterschreibst. Einen Überblick über alle Finanzierungswege gibt der Beitrag zur Finanzierung in der Gastronomie.
Was solltest du vor dem Finetrading versuchen?
Vor dem Finetrading solltest du drei Dinge tun: deine Liquidität für die nächsten 13 Wochen planen, mit deinem Lieferanten über ein längeres Zahlungsziel reden und Anzahlungen für Feiern und Gruppen neu regeln. Diese drei Schritte kosten fast nichts. Erst wenn danach noch eine Lücke bleibt, die zu einem größeren, planbaren Einkauf gehört, ist Finetrading eine sinnvolle Ergänzung.
Liquidität planen
Eine 13-Wochen-Vorschau zeigt dir, wann es eng wird, und zwar Wochen vorher. Ohne sie weißt du nicht einmal, ob du Finetrading brauchst. Wie du sie aufbaust, steht im Beitrag zur Liquiditätsplanung in der Gastronomie.
Mit dem Lieferanten reden
Rede dann, wenn du ein guter Kunde bist, also bei der großen Bestellung, nicht wenn die Mahnung kommt. Ein längeres Zahlungsziel kostet dich nichts außer einem Gespräch.
Anzahlungen neu regeln
Hochzeiten, Firmenfeiern, Gruppen: Eine Anzahlung bei Buchung bringt Geld in die Kasse, bevor du Ware einkaufen musst.
Erst dann: Finetrading
Für größere Einkäufe lagerfähiger Ware, bei denen ein guter Skonto winkt und die Rückzahlung aus geplanten Einnahmen kommt.
Aus typischen Beratungssituationen zusammengesetzt
Elf Wochen Vorsprung in einem Restaurant in der Pfalz
Eine Wirtin baut im Herbst zum ersten Mal eine 13-Wochen-Vorschau. Im Oktober sieht sie: In der zweiten Januarwoche fällt das Konto unter ihre Sicherheitsschwelle. Elf Wochen vorher.
Sie greift nicht zum Finetrading. Sie redet im November mit ihrem Getränkelieferanten, während sie für das Weihnachtsgeschäft bestellt und ein guter Kunde ist. Sechzig Tage Zahlungsziel für die Dezemberlieferung statt dreißig, ohne Diskussion. Dazu ändert sie die Regel für Feiern: dreißig Prozent Anzahlung bei Buchung statt alles am Veranstaltungstag.
Der Januar endet im Plus. Derselbe Betrieb, derselbe Umsatz, dieselben Kosten. Der einzige Unterschied: Sie wusste es elf Wochen vorher. Der Fall stammt in seiner Grundform aus „Vom Wirt zum Unternehmer“, Band 1.
Der Fall zeigt, warum Finetrading selten die erste Antwort ist. Die günstigste Finanzierung ist die, die du nicht brauchst, weil du den Engpass früh genug gesehen hast. Und die zweitgünstigste ist ein Lieferant, der dir vertraut. Diese Beziehung baust du nicht in der Krise auf, sondern in den guten Monaten.
Wie passt du Laufzeit und Abverkauf zusammen?
Die Laufzeit passt, wenn du die finanzierte Ware verkauft hast, bevor die letzte Rate fällig wird. Dann bezahlt der Gast deine Rate und nicht dein Konto. Rechne deshalb vor jedem Einkauf aus, wie viele Wochen du für den Abverkauf brauchst, und wähle ein Zahlungsziel, das mindestens so lang ist. Ist es kürzer, finanzierst du Lagerbestand aus dem laufenden Umsatz.
Diese Regel klingt banal und wird trotzdem ständig gebrochen. Der Weinhändler macht einen guten Preis für eine große Menge, der Finetrader bietet 90 Tage, und niemand rechnet, wie lange die Flaschen im Keller liegen. Ein Rechenbeispiel macht den Unterschied sichtbar:
Rechenbeispiel: 600 Flaschen Wein, Abverkauf 25 Flaschen pro Woche
Abverkauf vollständig nach rund 24 Wochen, also knapp sechs Monaten
90 Tage, drei Raten
Nach drei Monaten ist alles bezahlt, aber die Hälfte der Flaschen liegt noch unverkauft im Keller.
180 Tage, sechs Raten
Jede Rate ist durch die Flaschen gedeckt, die in diesem Monat verkauft wurden.
Die kürzere Laufzeit ist pro Prozent zwar günstiger, aber sie zwingt dich, Ware zu bezahlen, die noch nicht verkauft ist. Damit fehlt das Geld dann an anderer Stelle, und du bist genau in der Situation, die du mit Finetrading vermeiden wolltest. Die längere Laufzeit kostet mehr Marge, passt aber zum Geldfluss. Welche Variante am Ende günstiger ist, entscheidet dein Abverkauf, nicht der Prospekt des Anbieters.
Zwei Zahlen brauchst du dafür aus deinem eigenen Betrieb: wie viel du von einer Ware pro Woche verkaufst und wie hoch dein Bestand nach dem Einkauf ist. Beide stehen in einer sauber geführten Warenwirtschaft oder lassen sich aus Kassendaten und Inventur ablesen. Wer sie nicht kennt, sollte erst die Zahlen in Ordnung bringen und dann über Finetrading nachdenken. Typische Einsätze, bei denen die Rechnung aufgeht, sind die Weinkarte vor dem Weihnachtsgeschäft, Spirituosen und Sirupe vor der Biergartensaison oder die komplette Neuausstattung mit Gläsern, die über eine ganze Saison im Einsatz ist und sich über höhere Umsätze bezahlt macht.
Wann verschiebt Finetrading nur einen Berg?
Finetrading verschiebt nur einen Berg, wenn der Betrieb strukturell zu wenig Geld verdient und das längere Zahlungsziel eine Lücke überdeckt, die nicht saisonal ist. Dann kommt die Rechnung trotzdem, nur später und mit Aufschlag. Typisches Warnsignal: Du nutzt das Zahlungsziel nicht für einen Großeinkauf, sondern um laufende Kosten zu bezahlen, und die Linie ist dauerhaft ausgeschöpft.
Aus typischen Beratungssituationen zusammengesetzt
Das Brauhaus im Sauerland und die Woche sechs
Ein Brauhaus mit 180 Plätzen innen. Um durch Januar und Februar zu kommen, verlängert der Wirt sein Zahlungsziel beim Getränke- und Frischehändler von 14 auf 60 Tage. Das ist richtig. Was er nicht tut: die verschobene Summe in seine Planung eintragen.
Im März sieht das Konto stabil aus. Dann kommen in Woche sechs 34.500 Euro auf einmal fällig, in derselben Woche wie die Quartals-Umsatzsteuer.
Ein verlängertes Zahlungsziel löst nichts auf. Es schiebt einen Berg nach hinten, und irgendwo steht der Berg dann. Mit Finetrading wäre es dasselbe gewesen, nur mit Marge obendrauf. Der Fall stammt in seiner Grundform aus „Vom Wirt zum Unternehmer“, Band 1.
Wie der Berg entsteht
Schematische Darstellung der Zahlungsabflüsse. In den Wintermonaten wird wenig bezahlt, weil alles verschoben ist. Alles Verschobene wird dann gleichzeitig fällig.
Drei Warnsignale zeigen dir, dass du Finetrading gerade als Pflaster benutzt:
1
Die Einkaufslinie ist dauerhaft voll. Jede getilgte Rate wird sofort wieder für den nächsten Einkauf gebraucht.
2
Du finanzierst Ware, die längst verkauft ist, und bezahlst die Raten aus dem nächsten Monatsumsatz statt aus dem Ertrag dieser Ware.
3
Kontokorrent und Finetrading sind gleichzeitig ausgereizt. Dann ist das Problem nicht die Finanzierung, sondern das Geschäftsmodell.
Wenn zwei dieser Signale zutreffen, hilft kein weiteres Zahlungsziel. Dann musst du an die Kalkulation, an die Kosten oder an das Konzept. Häufig liegt der Fehler beim Wareneinsatz: Für Speisen gelten 28 bis 32 Prozent, für Getränke 18 bis 22 Prozent als üblicher Rahmen, gesamt 25 bis 28 Prozent. Liegst du darüber, verdienst du an jedem Einkauf zu wenig, und keine Finanzierung der Welt ändert das. Wie du gegensteuerst, zeigt der Beitrag zur Deckungsbeitragskalkulation in der Gastronomie. Und wenn es schon ernster ist, findest du erste Schritte im Beitrag zu Geld und Liquidität in der Krise.
Wie wirkt Finetrading in BWA, Bilanz und Umsatzsteuer?
In der Buchhaltung erscheint Finetrading in der Regel als ganz normaler Wareneinkauf mit einer Verbindlichkeit aus Lieferungen und Leistungen gegenüber dem Finetrader, nicht als Bankkredit. Die Marge des Finetraders erhöht deinen Einstandspreis oder wird als Finanzierungskostenanteil gebucht, je nach Vertrag. Wie genau, klärst du vorab mit deinem Steuerberater. Für die Umsatzsteuer gelten die normalen Regeln.
Anbieter werben gern damit, dass Finetrading „die Bonität bei der Hausbank nicht belastet“. Formal stimmt das, weil kein Bankkredit entsteht. Aber jeder Bankberater, der deine Summen- und Saldenliste liest, sieht die Verbindlichkeiten trotzdem. Wer seine Bank damit täuschen will, täuscht sich selbst. Sinnvoll ist das Argument nur in einem Punkt: Dein Kontokorrentrahmen bleibt für das frei, wofür er gedacht ist.
Bei der Umsatzsteuer gibt es einen Effekt, den du kennen solltest. Den Vorsteuerabzug aus der Rechnung des Finetraders kannst du nach § 15 UStG grundsätzlich geltend machen, sobald Lieferung und ordnungsgemäße Rechnung vorliegen, nicht erst mit der Bezahlung. Bei regelbesteuerten Betrieben kommt die Vorsteuer damit oft vor deiner letzten Rate zurück. Das ist ein echter Liquiditätsvorteil, aber kein Geschenk: Die Umsatzsteuer aus deinem Verkauf wird ebenfalls fällig. Mehr zu den Regeln steht im Beitrag zur Umsatzsteuer in der Gastronomie.
Und in der BWA? Dort taucht der finanzierte Einkauf im Wareneinsatz auf, wenn er gebucht wird. Wer im Dezember 600 Flaschen Wein einkauft und alles sofort als Aufwand bucht, hat im Dezember einen schlechten Wareneinsatz und im Frühjahr einen viel zu guten. Ohne Bestandsveränderung in der BWA siehst du dann ein Monatsbild, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Sprich das mit deiner Buchhaltung ab, bevor du den ersten Großeinkauf finanzierst.
Woran erkennst du einen seriösen Finetrader?
Einen seriösen Finetrader erkennst du an einer vollständigen, schriftlichen Kostenaufstellung vor Vertragsschluss, an der vollen Anrechnung des Skontos, an klaren Laufzeiten ohne versteckte Verlängerungsgebühren und an fairen Regeln für Eigentumsvorbehalt und Kündigung. Da Finetrader nicht von der Bankenaufsicht geprüft werden, musst du diese Punkte selbst abfragen und dir schriftlich bestätigen lassen.
Acht Fragen an jeden Finetrader
- Wie hoch sind die Gesamtkosten für einen konkreten Einkauf, mit allen Gebühren, schriftlich?
- Wird der Lieferantenskonto vollständig auf die Marge angerechnet?
- Gibt es eine Einrichtungsgebühr, eine monatliche Bereitstellungsgebühr oder eine Gebühr pro Einkauf?
- Was kostet es, wenn ich früher zurückzahle oder später zahlen muss?
- Welche Waren sind ausgeschlossen, und gilt das auch für Tiefkühlware oder Getränke mit Bezugsbindung?
- Wie lange läuft der Rahmenvertrag, und wie kann ich kündigen?
- Verlangt ihr eine persönliche Bürgschaft, und wenn ja, mit welchem Höchstbetrag?
- Akzeptiert mein Lieferant euch als Rechnungsempfänger, und hat er das schon einmal gemacht?
Die Deutsche Handwerks Zeitung rät ausdrücklich, Prüfgebühren vor Vertragsabschluss, Verlängerungsgebühren und zusätzliche Kosten über eine Einrichtungs- oder Startgebühr hinaus zu meiden. Außerdem verlangen viele Anbieter Mindermengenzuschläge, wenn ein Einkauf unter einer bestimmten Grenze liegt. Für die Gastronomie heißt das: Finetrading für den kleinen Wocheneinkauf ist fast immer zu teuer.
Ein letzter Rat aus der Praxis: Hol dir mindestens zwei Angebote und rechne sie mit dem Beispiel von oben auf denselben Einkauf um. Die Anbieter präsentieren ihre Konditionen sehr unterschiedlich, mal als Marge pro Laufzeit, mal als Gebühr pro Monat, mal als Aufschlag auf den Einkaufspreis. Erst wenn du alles auf einen Jahreswert umgerechnet hast, siehst du, wer wirklich günstiger ist.
Du willst wissen, ob Finetrading in deinem Betrieb Sinn ergibt oder ob ein Gespräch mit Lieferant und Bank mehr bringt? In unserer Beratung schauen wir auf deine Liquidität, deinen Einkauf und deine Finanzierung im Zusammenhang. Wenn dir eher langfristiges Kapital fehlt, sind KfW-Kredit, Bürgschaftsbank oder für besondere Projekte das Crowdfunding die besseren Wege. Für Gründer lohnt sich außerdem ein Blick auf den Businessplan, denn dort entscheidet sich, ob der Wareneinkauf in den ersten Monaten überhaupt finanziert ist.
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Wer hier schreibt
René Kaplick ist in der Gastronomie aufgewachsen und hat mit zehn Jahren die ersten Gäste bedient. Nach der Kochausbildung arbeitete er in der Sternegastronomie im First Floor Berlin und wurde später Handelsfachwirt. Seit 2010 hat er mit den Gastro Piraten über 5.600 Betriebe beraten. Die Gastro Piraten sind KfW- und BAFA-akkreditiert und DEHOGA-Partner. Mehr über uns
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Häufige Fragen zum Finetrading in der Gastronomie
Grundlagen
Was ist Finetrading einfach erklärt?
Ein Zwischenhändler bezahlt deine Lieferantenrechnung sofort, kauft dafür die Ware und verkauft sie dir mit Zahlungsziel weiter. Du bestellst wie gewohnt, die Ware kommt direkt zu dir. Du zahlst nach 30 bis 180 Tagen oder in Raten, plus eine Handelsmarge.
Ist Finetrading ein Kredit?
Formal nein, es ist ein Handelsgeschäft. Wirtschaftlich wirkt es aber wie eine kurzfristige Finanzierung, und es kostet auch so. Finetrader unterliegen nicht der Bankenaufsicht, deshalb musst du die Vertragsbedingungen selbst genau prüfen.
Was ist der Unterschied zwischen Finetrading und Factoring?
Finetrading finanziert deinen Einkauf, also Rechnungen, die du bezahlen musst. Factoring finanziert deine Forderungen, also Rechnungen, die du geschrieben hast. In der Gastronomie ist Factoring nur bei Catering, Firmenfeiern oder Tagungen auf Rechnung relevant.
Kosten
Was kostet Finetrading in der Gastronomie?
Die Deutsche Handwerks Zeitung nennt im Schnitt 1,5 bis 3 Prozent Gesamtkosten. Ein Anbieter nennt 2,99 Prozent für 90 Tage bis 5,99 Prozent für 360 Tage, plus Gebühren. Aufs Jahr gerechnet landest du je nach Skonto grob zwischen 8 und 20 Prozent.
Lohnt sich Finetrading ohne Skonto?
Selten. Der Skonto ist der Hebel, der die Marge des Finetraders ausgleicht. Ohne Skonto zahlst du die volle Marge plus Gebühren. Dann ist ein verlängertes Zahlungsziel beim Lieferanten oder dein Kontokorrent meist günstiger, sofern noch Luft im Rahmen ist.
Voraussetzungen und Waren
Bekomme ich als Gründer Finetrading?
Meist nicht. Die meisten Anbieter verlangen mindestens zwölf Monate Umsatzhistorie und eine positive BWA. Manche prüfen Gründer mit Businessplan, aber vorsichtig. Für den Start sind KfW-Kredit, Bürgschaftsbank und Fördermittel die passenderen Wege.
Kann ich Lebensmittel per Finetrading finanzieren?
Lagerfähige ja, frische meist nicht. Wein, Spirituosen, Kaffee, Konserven und Trockenware funktionieren. Schnell verderbliche Ware wie Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse schließen viele Anbieter aus, weil sie als Sicherheit über den Eigentumsvorbehalt nichts taugt.
Geht Finetrading bei einem Brauereivertrag?
Das hängt vom Liefervertrag ab. Wenn du an eine Brauerei oder einen Getränkefachgroßhändler gebunden bist, muss der Lieferant den Finetrader als Rechnungsempfänger akzeptieren. Kläre das schriftlich vorab, sonst riskierst du Ärger mit der Bezugsbindung.
Finetrading ist ein gutes Werkzeug für den großen Weineinkauf mit Skonto und ein schlechtes Pflaster für einen Betrieb, der zu wenig verdient. Rechne erst, rede dann mit deinem Lieferanten, und unterschreib erst ganz zum Schluss.
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